Dienstag, 23. November 2010

Heute wird die Mama von Charlottes Mitschülerin beerdigt.

Als letzte Woche zwei Jungs hier vor der Tür standen, um Charlotte mitzuteilen, dass Leas Mama gestorben ist, ist für einige Sekunden die Welt stehen geblieben. Ich war doch erst am Montag mit ihr essen... Wie kann es sein? So von einer Sekunde zur anderen? War es das, was mich sie intensiv hat ansehen lassen? War es das, wieso ich meinen Kommentar runterschluckte? War es dass, wieso ich tagelang vorher Herzschmerzen hatte? Kommt der Tod gar nicht immer auf leisen Sohlen?
Ich war ihr nicht sonderlich verbunden. Wieso habe ich das Empfinden gehabt?

Es dauerte nicht lang und das Telefon klingelte. Alle waren erschrocken, entsetzt, sprachlos. So wie ich auch. Der Tag flog an mir vorüber - irgendwie.
Als ich abends im Bett lag, ließ mich die Frage nicht los - wieso ich? Was verband uns, was wir nicht sahen.

Ich schickte ihr Licht und Liebe, begleitete sie in Gedanken. Und dann legte sich Frieden auf mich. Das Herz war wieder frei und tat nicht mehr weh. Ich fand meine Worte wieder.

Die Klassenlehrerin hat eine Kerze angezündet. Zwei Stunden durften die Kinder weinen - aber dann war es auch mal genug! So weitermachen, als sei nichts passiert, so tun als würde alles so weitergehen...

Das ist unser Umgang mit dem Tod. Weinen - und dann zur Tagesordnung übergehen.

Lea hat Sorge, ob sie in der Schule lachen darf. Und darf sie? Bei einem achtjährigen Mädchen verstehen wir, unterstützen das Lachen. So können auch wir besser mit der Situation umgehen.

Aber was drücken wir aus? - Wenn wir nicht drüber reden, ist es nicht passiert? Aber es ist geschehen. Abends kommt Mama nicht mehr ans Bett und liest etwas vor, Mama ist Weihnachten nicht dabei, Mama kocht nicht mehr, Mama sucht nicht mehr mit mir den neuen Glitzerstift... Es gibt den Alltag nicht mehr.

Nichts ist schlimmer als jemanden weinen und leiden zu sehen. Es erscheint uns unerträglich. Was sollen wir tun und sagen?

Gibt es etwas zu tun oder zu sagen - außer 'ich bin da - genauso verzweifelt und fassungslos wie Du, aber ich bin da. Ich trauere mit Dir. Dein Leid rührt mich.'
Das gibt es zu sagen oder zu zeigen. Darin einen wir uns. Wenn die Mutter geht, bricht die Welt zusammen, gerät alles aus den Fugen, haben Farben und Dinge eine neue Bedeutung. Und die 'alte' Welt muss doch verabschiedet werden. Das tut weh, unerträglich weh, es zerreißt und schüttelt. - Aber es ist geschehen!

Die Welt dreht sich weiter. Die äußere Welt bleibt bestehen. Aber der Tod eines Menschen hat Auswirkungen. Sie werden gravierender und einschneidender je näher wir dem Toten stehen.

Und das sollten wir achten.

Und wir sollten dem Tod ins Auge sehen. Denn er begleitet uns immer und überall. Er ist mehr als ein Schatten. Die Sorge um das 'Danach' fürchtet uns. Die Erinnerung an den eigenen Tod. Wir wissen doch, dass unser Leben begrenzt und endlich ist. Wieso tun wir so, als wäre es anders?

'Gib jedem Tag die Chance der schönste Deines Lebens zu sein' ist doch kein frommes Verslein. Dahinter steht doch 'Mensch, bedenke Deiner Endlichkeit', jetzt und sofort kann das Leben zuende sein. Und wenn wir mal drüber reden und ehrlich sind, dann haben wir genau davor riesige Angst. Wer möchte seine Kinder allein zurücklassen? Wer möchte schon den Schritt ins Ungewisse tun, seine Lieben verlassen? Wir richten uns unser Leben ein, so wie es uns angenehm erscheint, wir versuchen so oft wie möglich glücklich zu sein. Wir streben danach, Harmonie zu erleben. Und wofür? Dafür, dass wir einfach so herausgerissen werden können, machtlos und ohne Einfluss? Das ist so irrsinnig.

Aber so ist es. Das Leben wurde uns aus genauso so sinnlos erscheinenden Gründen geschenkt. Wir dürfen fühlen, erfahren, erweitern, ergründen, leiden und lieben. Wir dürfen unsere Säuglinge riechen, uns verlieben, Freundschaften schließen und uns grenzenlos fühlen. Allein dafür bin ich gern hier, danke für diese Möglichkeit.

Und ich für mich bin mir sicher, dass unser Tod einfach der Weg in das Unermessliche, in den Frieden, die Freude, das Lichtsein ist. Und darauf - auch wenn mir der Abschied so unendlich schwer fallen würde - freue ich mich... Jeden Tag! Der Tod ist mein ständiger Begleiter - ob ich es will oder nicht. Also freunde ich mich einfach mit ihm an... So ist die Reise einfach schöner.

Zur Beerdigung werde ich heute nicht gehen. Ich habe Abschied genommen - auf meine Weise. In die Diskussion wer-gibt-wieviel-Geld-und-wenn-einer-mehr-gibt-muss-das-auf-Karte-vermerkt-werden mag ich nicht einstimmen.

Ich wünsche mir von Herzen einen offeneren Umgang mit dem Tod, mit den Hinterbliebenen und unseren Ängsten.

Kommentare:

  1. Du hast sehr schöne Worte gefunden. Danke für diesen wundervollen Post.
    Ich habe vorletzte Woche meine Mama verloren und kann den Schmerz so gut nachvollziehen. Lasse die Trauer ruhig raus, es hilft.

    Herzliche Grüße
    Gela

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  2. Ich versuche mich auch mit dem Tod anzufreunden. Er gehört zum Leben wie die Geburt. Und doch tun sich alle so schwer, darüber zu reden. Du hast das mit deinem Text ganz schön umschrieben. Ich wünsch dir Kraft für die Begleitung deiner Tochter bei der Verarbeitung dieses Abschiednehmens und das Weitermachen zusammen mit ihrer Mitschülerin.
    Liebe Grüsse
    Manu

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  3. Ein sehr nachdenklicher Post, der auch mich nachdenklich stimmt... Besonders: "Wieso tun wir so als wäre es anders?". Darüber lohnt es sich nachzudenken - auch einen Moment länger...

    Danke!

    Von Herzen
    Evelyn

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