Montag, 18. März 2013

Passion




Letzte Woche hat mir meine Freundin einen großen Herzenstraum erfüllt. Sie hat mich zu einem Konzert von Lang Lang nach Bremen in die 'Glocke' eingeladen. Was ich zunächst nicht wußte, wir saßen ca. 3 Meter von ihm entfernt auf der Bühne. Ich war von der Einladung schon zu berührt, dass die Tränen mal wieder kullerten. Aber fast neben ihm zu sitzen... Das war fast zu viel. So nahm ich zumindest an. Aber es kommt ja meistens anders.

Das Wunder begann eigentlich als ich Fatmas Wohnung betrat. Sie hatte mit soviel Liebe für mich gekocht und den Tisch gedeckt. Die Freude ihrerseits wurde allergrößter Genuss meinerseits. Wenn man mit so viel Liebe gefüttert wird, kann es ja nur grandios werden. Und das wurde es!
Das doch recht kurze Gespräch beim Essen war so inspirierend, so klar und einfach, so vertraut und doch verwundernd, dass ich gar nicht loslassen wollte. Aber das Taxi wartete.

Als der kleine Chinese die Bühne betrat, hatte das so etwas Anrührendes. Keine Bewunderung mehr, keine Faszination. Es war einfach normal. Vielleicht weil er mit dem ersten Anschlag diese Welt verlassen hatte. Ab und an sah es aus, als würde er sein Publikum mitnehmen und mit seinen dunklen Augen locken wollen. Aber schon die nächste Augenstellung verriet, dass er weit weg war. Er lebte in einer Welt aus Sehnsucht, Schmerz, Verzicht, Trauer und Freude, Lebendigkeit, Tiefe, Zartheit, Liebe... Jeder Ton versprach ein ganzes Universum. Er hat jede musikalische Silbe belebt. Seine Hände konnten wir nur ab und an betrachten. Nämlich dann, wenn er sie leicht wie ein Schmetterlingsflügel hob und wieder senkte. Sein ganzer Körper belebte Chopin und Mozart wider. Er hat diese Melodien nicht erdacht, aber er hat sie sich zu eigen gemacht, ist damit verschmolzen. Ich habe noch nie jemanden so zart und behutsam die Tasten eines Klavieres anschlagen hören.

Und plötzlich war auch ich versunken... in einen alten Wunsch. Ich wollte Ballerina werden, weil ich eine Passion haben wollte, Ich wollte für etwas leben, für das ich auch sterben würde. Und während ich dem Pianisten dort auf seinem Schemel, der Welt völlig entrückt, zusah, merkte ich, dass ich genau das Leben habe. Meine Passion ist die Freiheit im Denken und im Fühlen. Dafür lohnt es sich für mich zu leben und zu sterben. Ich hatte diese Passion längst gefunden. Meine Worte tragen mich in mich hinein und wieder heraus, meine Gedanken führen mich zum Meer, werden das Meer und manchmal bringt mir eine Welle Neues, Niegedachtes, Erstaunliches. Talente nehmen wir so oft als Selbstverständlichkeit. Wir würdigen sie selten, weil sie zu uns gehört, weil sie ein Teil von uns ist. Und wer nimmt seine Nase schon ständig bewußt wahr. Wir übersehen, was uns ausmacht, weil wir es selbst nicht achten.

Und so nahm dieser Abend einen unerwarteten Verlauf. Ich habe das Spiel genossen, die Musik und das Zusammensein mit meiner Freundin, das wir lange Zeit nicht hatten. Aber es war keine Ehrfurcht, sondern ein Teilen einer Musik, die schon so alt und doch immer wieder neu ist. Die für mich die Bandbreite menschlicher Emotionen auf eine Art zeigt, die es mir ermöglicht, mitzugehen. Manchmal zart und vorsichtig. Manchmal wild und laut. Jeder findet in der Musik das, was ihm entspricht. Was ausdrückt, wofür es oft keine Worte gibt. Mich trägt schon immer klassische Musik zu mir selbst. Dort zwischen all den Tönen mache ich mich breit, empfinde größte und tiefste Dankbarkeit. Ich BIN dort Dankbarkeit. In den Symphonien finde ich mich mit all meinem Erlebten, Durchdachten und vor allem Gefühlten.

So muß es dem Künstler wohl auch ergehen, während seine Hände wie von selbst über die Tasten gleiten und er selbst der Welt entrückt zu Vor sein scheint.

Ob Chopin, Tschaikowsky, Beethoven und Bach diesen Reichtum auch empfunden haben? Wir können sie nicht mehr fragen... Aber ich mir sowieso sicher, dass diese Musik von irgendwo anders kommt. Dort wo wir uns alle treffen, wenn wir uns tragen lassen von den Melodien, wenn wir aufsteigen und der Sehnsucht unerer Seele nach Vollendung und Ausdruck folgen. Von dort ist sie uns geschenkt.









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