Montag, 24. November 2014

Der gelbe Vogel - (m)ein Lesetagebuch

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich meine Gedanken hier niederschreiben soll/darf. Es ist ein heißes Eisen. Aber ich wage es...

Vor den Herbstferien bekam ich eine mail von der Deutschlehrer meiner Tochter mit der Information, dass eine Lektüre angeschafft wurde, die sie nun zum Thema 'Kindheit im Nationalsozialismus' im Unterricht lesen und besprechen werden. Charlotte ist in der 7. Klasse, also 12 Jahre alt. Ein paar Tage später brachte sie das Buch mit nach Hause. 'Der gelbe Vogel' von Myron Levoy. Als ich den Klappentext las, war ich zunächst alamiert. Es geht um Naomi, die in Paris mit ansehen mußte, wie ihr Vater von der Gestapo erschlagen wurde. Und um Alan, der als zwölfjähriger von seinen Eltern gebeten wird, sich um das traumatisierte Mädchen zu kümmern...
Ich lasse Charlotte noch keinen Tatort sehen und erlaube so ein Buch? Ich schrieb der Lehrerin, dass ich das Buch vorab selbst lesen würde, bevor ich es meiner Tochter aushändige. Die Lehrerin versicherte mir widerum per mail, dass ich das Buch ganz bedenkenlos Charlotte lesen lassen könne. Sie hätte gute Erfahrungen auch bei Siebtklässlern gemacht und schließlich sei das Buch mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet worden....

Sie lesen mit 12 Jahren ein Buch zum Thema Nationalsozialismus. Und das mit einer Lehrerin, die von mir erwartet, dass ich einer Autorität kritik- und gedankenlos vertraue????

Was haben wir gelernt? Was machen wir mit all der Aufklärung über eine Zeit der Diktatur und des Rassenhassens? Wir beschwichtigen mit Auszeichnungen? Damit ich mich nicht in den Unterricht einmische, wird mit Preisen argumentiert? Leider bewirkt das bei mir immer das Gegenteil. Also setzte ich mich hin und las das Buch. In der Zwischenzeit kam wieder eine mail der Lehrerin. Diesmal an alle Eltern der Klasse, dass sie den Kindern über die Ferien folgende Hausaufgaben aufgegeben hätte: das Buch zu lesen und ein Lesetagebuch anzufertigen. 'Keine Angst, das ist nicht viel Arbeit. Das machen die Kinder nebenbei.'... Aha. Und sie hätten auch schon einige knifflige Themen im Unterricht besprochen. Knifflige???? Das ist nicht gerade das Wort, das mir im Zusammenhang mit 'Kindheit im Nationalsozialismus' als erstes einfällt. Aber richtig gestolpert bin ich über 'Das Buch ist wirklich spannend. :-)))) .... Spannend und smileys dahinter???

Sie bat die Eltern darum, den Kindern Fragen zu beantworten und sie sensibel zu unterstützen.

Mir steht es bestimmt nicht zu, ein Psychogramm dieser Lehrer in zu erstellen. Aber es machte mir deutlich, wie im Unterricht das Thema Nationalsozialismus behandelt wird.
Das Trauma, das uns irgendwie immer noch beherrscht. Die Lehrerin nannte zwar das Unterrichtsthema. Aber danach schrieb sie nur noch von 'dem Thema'. Das Arbeitsblatt in Charlottes Mappe war eine Aufzählung der Situation der Juden in Deutschland. Ich fand keine Details zu einer Kindheit im Nationalsozialismus. Kindheit bedeutet für mich, wie haben die damals unter 15jährigen die Zeit erlebt. Was waren ihre Gedanken, Ängste und Nöte, woran hatten sie Freude...
Und müssen wir immer noch klären, dass die Judenverfolgung falsch und grausam war? Ich wurde zunächst sehr wütend und emotional. Von daher ließ ich ein Antwortschreiben an die Lehrerin erstmal bleiben, worüber ich im Nachhinein sehr froh bin.

Beim Lesen des Buches verstand ich noch weniger die Wahl des Buches. Denn es geht um Trauma. Ein traumatisiertes Mädchen, das nicht nur mit ansehen mußte, wie ihr Vater erschlagen wurde, sondern sich selbst die Schuld daran gab, weil es die Dokumente nicht schnell genug zerriß. Das tagelang mit ihrer Mutter durch die Kanalisation irrte, bevor sie bei Verwandten in New York Unterschlupf fanden. Alan gelingt es, Naomi aus ihrem Trauma zu lösen. Sie geht mit zur Schule bis eine Situation das Trauma wieder auslöst und sie letztlich in der Psychiatrie landet. Alan wird verzweifelt zurückgelassen.

Charlotte gefiel das Buch. Sie stellte Fragen. Aber nicht zu Gestapo und Juden und Katholiken. Sie verstand Naomis merkwürdiges Verhalten nicht. Nannte es unlogisch...

Und als ich mich von meiner Wut auf die Lehrerin und die versauten Herbstferien löste und das Buch aus einer größeren Entfernung las, fiel mir so vieles auf.

Charlottes Lehrerin argumentierte für das Buch und das Thema '3. Reich' schon, weil die Klasse kulturell so bunt zusammengewürftelt sei... Naja, über diese Formulierung läßt sich streiten.

Aber... was ist ein Trauma? Wieso erscheint Charlotte das Verhalten der traumatisierten Naomi unlogisch? - Weil ein traumatisierter Mensch unlogisch handelt. Ein erlebtes Trauma ist so schwer zu heilen. Es braucht Jahre, Empathie, Geduld und Fachleute.

Jeder Krieg traumatisiert! Unsere Eltern und Großeltern sind traumatisiert. Sie mußten nach dem Krieg funktionieren. Da waren wenig Empathie, keine Zeit oder Geduld. Von psychologischer Betreuung ganz zu schweigen. Sie hatten Schuld auf sich geladen und gleichzeitig um ihr Überleben gekämpft. Und sie haben Kinder erzogen. Trotz und mit diesem Trauma. Und diese Kinder erziehen wieder Kinder. Ohne emotionale Heilung. Die Wunden klaffen noch heute.

Wir tragen immer noch Schuld. Wir dürfen keinen Abstand nehmen. Keine Entschuldigung, keine Wiedergutmachung läßt Zweifel an dem Verbrechen. Wir schauen und gucken immer wieder. Und immer steht da die Schuld. Wir haben Kriegerdenkmäler errichtet. Wir trauern um die Gefallen. Aber wir haben wenig Verständnis für unsere Eltern und Großeltern.

Was war vor dem Krieg? Da war auch schon Krieg. Wo ist der Versuch einer Erklärung, wieso Nazideutschland funktionierte?

Wir leben in einer Zeit, in der uns unsere Geschichte wieder einholt. Zeitschriften werben damit, aufgeklärt zu haben, wie drogensüchtig Hitler war. Renommierte Nachrichtensender schicken fast allabendlich die Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg, Hitlers Vater, Hitler privat, Hitlers Hintermänner etc. über den Äther in unsere Wohnzimmer.

Aber da ist noch etwas anderes. Da ist eine eskalierende Situation mit Mitmenschen anderer Nationen. Eine Situation, derer wir kaum oder gar nicht entgegentreten können. Die einen schauen weg und die anderen knüppeln brutal nieder oder grölen Parolen.

Weil wir immer noch traumatisiert sind. Weil wir gar nicht wissen, was zu tun ist. Weil die Schuld noch immer lebt. Weil wir doch damals... Und wir lassen nicht los.


Loslassen heißt nicht zu entschuldigen, es heißt nicht gutzuheißen. Loslassen macht nichts ungeschehen. Aber Loslassen befreit.

Ich wünsche mir mehr Verständnis, weniger Urteil und den Untergang von Schuldfragen...



Die Herbstferien sind vorbei, das Buch gelesen und das Lesetagebuch erstellt. Charlotte und ich sind unser sehr nahe gewesen in dieser Zeit, haben viel geredet und ich habe neue Seiten an meiner Tochter entdeckt. Sie hat gelernt, etwas genauer hinzusehen und sich intensiver mit Dingen und Situationen auseinanderzusetzen. Sie hat mich als Löwenmutter erlebt und weiß jetzt, dass ich ganz schön viele Schimpfworte kenne. Ich hoffe, sie hat gesehen, wie wichtig es ist, sich auf sein eigenes Urteil und Gefühl zu verlassen. Und dass auch das Blödste eine gute Seite hat.

Liebe Grüße,
Anke






Kommentare:

  1. Mir ist ganz egal zu welchem Thema du schreibst, ob heiß oder nicht, und auch, wenn ich jetzt gar nichts dazu schreiben mag (weil ich vor Müdigkeit fast im Sitzen einschlafe), muss ich mich doch wiederholen:
    So schön wie du schreibst, ich les' dich so gern!


    :-)

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    1. Danke dafür, Du Liebe,

      schlaf gut...

      Ich umarme Dich.

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