Samstag, 14. Februar 2015

Geschichte lebt!

Vor ein paar Tagen war meine polnische Freundin zu Besuch. Sie spricht nicht sehr gut Deutsch und wir kennen uns auch noch nicht so lange.

Wir standen auf der Terrasse und sie erzählte mir fröstelnd, dass Polen immer ihre Heimat sein wird, aber dass sie Deutschland liebe. Das habe sie neulich auch ihrer Oma erzählt, die völlig entsetzt war und die Welt nicht mehr verstand. 'Du liebst Deutschland? Du liebst Hitlerrr?' - Sie war sich sicher, ihre Enkelin habe den Verstand verloren und lief schnellstmöglich in die Kirche, um Gott und Maria anzuflehen, ihre Enkelin von dieser Krankheit zu befreien.

Wir beiden dort auf der Terrasse mußten ein wenig über die alte Dame lachen. Aber wir verstanden auch beide, dass die Geschichte eben noch lebt. Dass viele Wunden noch nicht geheilt sind.

Aber das, was A. dann sagte... ihre Worte strahlten wie ein Licht im Dunkeln. 'Aber Anke, am Ende sind alle Menschen meine Schwestern und Brüder. Richten wird Gott. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich verstehe meine Oma, aber ich bin jetzt hier.'

Dem gab es kein Wort mehr hinzuzufügen. Ich konnte sie nur noch in den Arm nehmen. Und in dieser Umarmung lag so viel, war Vergebung, Hoffnung, Heilung und eben auch ein Nachvornschauen. Die Geschichte lebt und liegt doch hinter uns. Sie hat bis heute Wirkung, ja das stimmt. Aber wir bestimmen, wie es weitergeht.

Ich bin zutiefst dankbar für diesen besonderen Moment. Irgendwie lagen sich alte Feinde im Arm, auch wenn wir uns auf Anhieb mochten. Aber wir brachten beide etwas von unseren Vorfahren in diesen Augenblick. Und ich bin mir sicher, dass ich mehr verstand als in 13 Jahren Geschichtsunterricht. 

Denn Geschichte findet genau hier stattt - auf den Terrassen, den Häuser, den Straßen. Dort wo Menschen sich begegnen. Kränze, geschwungene Reden, Gedenktage sind Symbole. Aber gelebte Geschichte ist immer eine Begegnung zwischen mir und Dir.

Meine Großeltern waren nicht im Untergrund tätig während des Dritten Reiches, sie waren gute Deutsche, die ihrem Führer gefolgt sind. Das ist nicht meine Schuld und ich dachte bis zu diesem Moment neulich, ich hätte damit nichts zu tun. Aber als ich da stand, mit der Enkelin der Oma im Arm, die sie schützen wollte vor meinen Großeltern, da wurde mir klar, dass ich nicht leugnen kann, dass ich sicherlich keine Schuld mehr trage. Aber ich trage die Schuld meiner Vorfahren in mir. Das bewußt zu erleben und damit umzugehen, empfand ich in dem Moment als großes Geschenk.

Und so bewahre ich mir diese wenigen Minuten. Ich bin dankbar, so eine großartige Frau getroffen zu haben, die sich über vieles hinwegsetzt und unbeirrt und 'trotzdem' ihren Weg geht.
Wahrscheinlich ist das ein guter, vielleicht der beste Weg, mit Vergangenem umzugehen. Darum zu wissen und dennoch seinem Herzen zu folgen. Denn das Herz sucht niemals nach Schuld. Dem Herz ist immer an dem anderen gelegen. Es vergibt sofort, wenn es Liebe erfährt.
Und in dieser Umarmung lag genau das, Hingabe, Liebe und Vergebung.

Danke für diese Geschichte!

Und ich hoffe, dass Anias Oma Frieden finden wird. Das wünsche ich ihr von Herzen. Und möge es noch Millionen solcher Momente geben. und Abermillionen mutiger Frauen und Männer, die ihrem Herzen folgen, trotz der Traditionen, Vergangenem, Religionen und Überzeugungen... Mögen sich die Menschen dort begegnen, wo wahre Freiheit stattfinden kann nämlich in ihren Herzen.

Ich wünsche Euch einen liebevollen Valentinstag.

Anke


PS: Und heute bin ich aus dem Bett gesprungen, weil diese Geschichte in mir brannte...

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