Montag, 24. November 2014

Der gelbe Vogel - (m)ein Lesetagebuch

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich meine Gedanken hier niederschreiben soll/darf. Es ist ein heißes Eisen. Aber ich wage es...

Vor den Herbstferien bekam ich eine mail von der Deutschlehrer meiner Tochter mit der Information, dass eine Lektüre angeschafft wurde, die sie nun zum Thema 'Kindheit im Nationalsozialismus' im Unterricht lesen und besprechen werden. Charlotte ist in der 7. Klasse, also 12 Jahre alt. Ein paar Tage später brachte sie das Buch mit nach Hause. 'Der gelbe Vogel' von Myron Levoy. Als ich den Klappentext las, war ich zunächst alamiert. Es geht um Naomi, die in Paris mit ansehen mußte, wie ihr Vater von der Gestapo erschlagen wurde. Und um Alan, der als zwölfjähriger von seinen Eltern gebeten wird, sich um das traumatisierte Mädchen zu kümmern...
Ich lasse Charlotte noch keinen Tatort sehen und erlaube so ein Buch? Ich schrieb der Lehrerin, dass ich das Buch vorab selbst lesen würde, bevor ich es meiner Tochter aushändige. Die Lehrerin versicherte mir widerum per mail, dass ich das Buch ganz bedenkenlos Charlotte lesen lassen könne. Sie hätte gute Erfahrungen auch bei Siebtklässlern gemacht und schließlich sei das Buch mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet worden....

Sie lesen mit 12 Jahren ein Buch zum Thema Nationalsozialismus. Und das mit einer Lehrerin, die von mir erwartet, dass ich einer Autorität kritik- und gedankenlos vertraue????

Was haben wir gelernt? Was machen wir mit all der Aufklärung über eine Zeit der Diktatur und des Rassenhassens? Wir beschwichtigen mit Auszeichnungen? Damit ich mich nicht in den Unterricht einmische, wird mit Preisen argumentiert? Leider bewirkt das bei mir immer das Gegenteil. Also setzte ich mich hin und las das Buch. In der Zwischenzeit kam wieder eine mail der Lehrerin. Diesmal an alle Eltern der Klasse, dass sie den Kindern über die Ferien folgende Hausaufgaben aufgegeben hätte: das Buch zu lesen und ein Lesetagebuch anzufertigen. 'Keine Angst, das ist nicht viel Arbeit. Das machen die Kinder nebenbei.'... Aha. Und sie hätten auch schon einige knifflige Themen im Unterricht besprochen. Knifflige???? Das ist nicht gerade das Wort, das mir im Zusammenhang mit 'Kindheit im Nationalsozialismus' als erstes einfällt. Aber richtig gestolpert bin ich über 'Das Buch ist wirklich spannend. :-)))) .... Spannend und smileys dahinter???

Sie bat die Eltern darum, den Kindern Fragen zu beantworten und sie sensibel zu unterstützen.

Mir steht es bestimmt nicht zu, ein Psychogramm dieser Lehrer in zu erstellen. Aber es machte mir deutlich, wie im Unterricht das Thema Nationalsozialismus behandelt wird.
Das Trauma, das uns irgendwie immer noch beherrscht. Die Lehrerin nannte zwar das Unterrichtsthema. Aber danach schrieb sie nur noch von 'dem Thema'. Das Arbeitsblatt in Charlottes Mappe war eine Aufzählung der Situation der Juden in Deutschland. Ich fand keine Details zu einer Kindheit im Nationalsozialismus. Kindheit bedeutet für mich, wie haben die damals unter 15jährigen die Zeit erlebt. Was waren ihre Gedanken, Ängste und Nöte, woran hatten sie Freude...
Und müssen wir immer noch klären, dass die Judenverfolgung falsch und grausam war? Ich wurde zunächst sehr wütend und emotional. Von daher ließ ich ein Antwortschreiben an die Lehrerin erstmal bleiben, worüber ich im Nachhinein sehr froh bin.

Beim Lesen des Buches verstand ich noch weniger die Wahl des Buches. Denn es geht um Trauma. Ein traumatisiertes Mädchen, das nicht nur mit ansehen mußte, wie ihr Vater erschlagen wurde, sondern sich selbst die Schuld daran gab, weil es die Dokumente nicht schnell genug zerriß. Das tagelang mit ihrer Mutter durch die Kanalisation irrte, bevor sie bei Verwandten in New York Unterschlupf fanden. Alan gelingt es, Naomi aus ihrem Trauma zu lösen. Sie geht mit zur Schule bis eine Situation das Trauma wieder auslöst und sie letztlich in der Psychiatrie landet. Alan wird verzweifelt zurückgelassen.

Charlotte gefiel das Buch. Sie stellte Fragen. Aber nicht zu Gestapo und Juden und Katholiken. Sie verstand Naomis merkwürdiges Verhalten nicht. Nannte es unlogisch...

Und als ich mich von meiner Wut auf die Lehrerin und die versauten Herbstferien löste und das Buch aus einer größeren Entfernung las, fiel mir so vieles auf.

Charlottes Lehrerin argumentierte für das Buch und das Thema '3. Reich' schon, weil die Klasse kulturell so bunt zusammengewürftelt sei... Naja, über diese Formulierung läßt sich streiten.

Aber... was ist ein Trauma? Wieso erscheint Charlotte das Verhalten der traumatisierten Naomi unlogisch? - Weil ein traumatisierter Mensch unlogisch handelt. Ein erlebtes Trauma ist so schwer zu heilen. Es braucht Jahre, Empathie, Geduld und Fachleute.

Jeder Krieg traumatisiert! Unsere Eltern und Großeltern sind traumatisiert. Sie mußten nach dem Krieg funktionieren. Da waren wenig Empathie, keine Zeit oder Geduld. Von psychologischer Betreuung ganz zu schweigen. Sie hatten Schuld auf sich geladen und gleichzeitig um ihr Überleben gekämpft. Und sie haben Kinder erzogen. Trotz und mit diesem Trauma. Und diese Kinder erziehen wieder Kinder. Ohne emotionale Heilung. Die Wunden klaffen noch heute.

Wir tragen immer noch Schuld. Wir dürfen keinen Abstand nehmen. Keine Entschuldigung, keine Wiedergutmachung läßt Zweifel an dem Verbrechen. Wir schauen und gucken immer wieder. Und immer steht da die Schuld. Wir haben Kriegerdenkmäler errichtet. Wir trauern um die Gefallen. Aber wir haben wenig Verständnis für unsere Eltern und Großeltern.

Was war vor dem Krieg? Da war auch schon Krieg. Wo ist der Versuch einer Erklärung, wieso Nazideutschland funktionierte?

Wir leben in einer Zeit, in der uns unsere Geschichte wieder einholt. Zeitschriften werben damit, aufgeklärt zu haben, wie drogensüchtig Hitler war. Renommierte Nachrichtensender schicken fast allabendlich die Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg, Hitlers Vater, Hitler privat, Hitlers Hintermänner etc. über den Äther in unsere Wohnzimmer.

Aber da ist noch etwas anderes. Da ist eine eskalierende Situation mit Mitmenschen anderer Nationen. Eine Situation, derer wir kaum oder gar nicht entgegentreten können. Die einen schauen weg und die anderen knüppeln brutal nieder oder grölen Parolen.

Weil wir immer noch traumatisiert sind. Weil wir gar nicht wissen, was zu tun ist. Weil die Schuld noch immer lebt. Weil wir doch damals... Und wir lassen nicht los.


Loslassen heißt nicht zu entschuldigen, es heißt nicht gutzuheißen. Loslassen macht nichts ungeschehen. Aber Loslassen befreit.

Ich wünsche mir mehr Verständnis, weniger Urteil und den Untergang von Schuldfragen...



Die Herbstferien sind vorbei, das Buch gelesen und das Lesetagebuch erstellt. Charlotte und ich sind unser sehr nahe gewesen in dieser Zeit, haben viel geredet und ich habe neue Seiten an meiner Tochter entdeckt. Sie hat gelernt, etwas genauer hinzusehen und sich intensiver mit Dingen und Situationen auseinanderzusetzen. Sie hat mich als Löwenmutter erlebt und weiß jetzt, dass ich ganz schön viele Schimpfworte kenne. Ich hoffe, sie hat gesehen, wie wichtig es ist, sich auf sein eigenes Urteil und Gefühl zu verlassen. Und dass auch das Blödste eine gute Seite hat.

Liebe Grüße,
Anke






Mittwoch, 4. Juni 2014

Und meistens kommt es anders...



Aaaalso, eigentlich war das so gedacht mit Laya.

Sie kommt, wir kuscheln, ich bin total verknallt, wir kuscheln weiter, spielen liebevoll miteinander, alle sitzen dumpflächelnd um den Hund. Und zwischendurch schreibe ich jeden Tag Liebeserklärungen hier auf dem blog...

ABER... genau! Die Realität hat mich eingeholt. Sie kam, zerlegte das erste Kuscheltier, pinkelte auf das neue, orthopädisch wertvolle und sündhaft teure Körbchen. Und eigentlich hörte sie nicht auf zu pinkeln. Den ganzen Tag hieß es Seen und Häufchen entfernen. Und ließ es die Kraft zu, mußten wir versuchen, zwischendurch ein unbändiges Temperatment zu bändigen. Die Nerven lagen ganz schön blank manches Mal. Das Gute war, dass ich von Anfang wußte, dass sie mein Hund ist und so gab es wenig Diskussionen, wer mit dem Hund was zu machen hat. Das war klar geregelt - ICH! Allerdings haben mich alle großartig unterstützt. Freiwillig arbeitet es sich wirklich lieber, habe ich festgestellt.

Was sofort klappte, war die Nachtruhe. Sie sollte ja theoretisch in der Box neben dem Bett schlafen. Aber sie weinte so schrecklich. Und ich wollte meinen Mann ja nicht in seinem Schlaf stören. Also durfte sie die erste Nacht neben mir auf ihrer Decke schlafen, in der Hoffnung, dass es niemand bemerkt. *hüstel* Morgens tapste sie wie selbstverständlich über meinen Kopf hinweg auf die andere Seite vom Bett, wo sie überraschenderweise fröhlich begrüßt wurde. Immerhin hatte sie da 8 Stunden geschlafen und nicht gepinkelt. Die Box blieb also die nächsten Nächte leer. Auch noch die übernächsten Wochen blieb sie verwaist. Mittlerweile schlief sie unter der Decke zwischen uns vor meinem Bauch zusammengerollt. Da die Nächte noch recht kalt waren, hab ich das seeeehr genossen.
Nun haben so Tiere ja die Angewohnheit schnell zu wachsen. Layas Beine wurden länger und länger und der Platz im Bett parallel dazu immer kleiner.
Da fiel meinem Mann die Box wieder ein... *schluchz* Ganze drei Nächte hat sie darin verbracht. Jeweils eine ganze Stunde sang sie manchmal sogar zweistimmig, bis wir sie ins Wohnzimmer trugen, alle Türen schlossen, um schlafen zu können. Sie wurde richtig krank. Naja... sie schläft wieder im Bett und wir werden vielleicht ein breiteres kaufen... ;-)


Mittlerweile ist sie weitesgehend stubenrein. Und auch sonst haben wir die erste sehr stürmische Zeit hinter uns. Und so langsam lernt sie zu akzeptieren, dass nicht sie der Rudelführer hier ist.

Ich wollte so unbedingt diesen Hund. Nur sie. Sie hatte mein Herz berührt. Und deshalb traf es mich so sehr, als sie anfing mich zu attackieren und zu beißen. Nein, sie wollte nicht spielen! Wir mußten sofort vom ersten Tag an mit der Erziehung beginnen. Kuscheln war nur selten. Sie brauchte klare Regeln. Aber damit habe ich selbst ein Problem. Laya war wild und aggressiv, sie rannte alles über, sprang im wahrsten Sinne des Wortes über Tisch und Sofalehnen. Der Beginn der Welpenschule lag noch ein paar Wochen vor uns. Ich wurde zunehmend hilfloser und auch wütender. Sobald das Haus außer Sichtweite war, war sie folgsam und ruhig. Sah sie das Haus, fing sie an in die Leine zu beißen, mich anzuspringen und eben auch zu beißen. Und das sah eher nach Kampfhund aus als nach Welpe. Wie gesagt, sie wollte sicher nicht spielen. Zuhause saß sie oft genug vor mir auf meinem Stuhl. Es war also deutlich, sie wollte klären, wer hier das Sagen hat.

Am schlimmsten war meine Unfähigkeit zu reagieren. Ich stand da und wußte nicht, was ich tun sollte. Aber es war ein ziemlich bekanntes Gefühl... Konfrontationen gehe ich eh lieber aus dem Weg. Verzweifelt rief ich eine Freundin an, bei der ich wußte, dass sie mich aus Erfahrung versteht. Und so war es auch. Laya stand gerade in ihrem völlig zerfetzten Körbchen inmitten Tonnen von Füllmaterial.

Und dann sagte Petra: 'Du willst sie nur lieben, oder? Aber einen Hund kannst du nicht mit Liebe erziehen. Du mußt ihr klare Grenzen setzen. Dann fühlt sie sich sicherer und ist entspannt.'

Mist! Genau das wollte ich nicht! Weil ich das schon bei den Kindern so schlecht konnte. Dass das Thema Grenzen mal zur Sprache kommen würde, war mir klar. Aber so? Mit Laya? Wo das doch Geschenk heißt... Aber gut. Ich hatte nur diese eine Wahl. Denn weggeben wollte ich sie nicht und einen bissigen Hund auch nicht. Also hab ich sie kurzerhand erstmal am Tischbein angebunden. Und siehe da, sie schlief ein und war entspannt. Das war sicher nicht die Endlösung. Aber erstmal ging es uns beiden besser. Beim nächsten Spaziergang habe ich mich vor ihr aufgebaut und bin ihr beim Hochspringen entgegengetreten und ihr bestimmt gesagt, dass sie mir zu folgen habe. Und... sie setzte sich hin und ging super neben mir nach Hause. Mehr hatte sie nicht gebraucht. Und damit begann eine ruhigere Zeit. Nicht nur das. In mir ist auch ganz viel passiert. Viele Puzzleteile setzten sich zusammen.

Und wie innen so außen ist das Wunder auch eingetreten...

Ich wohne in meinem Elternhaus, das auf dem ehemaligen Grundstück meiner Großeltern steht. Nach dem Tod meines Großvaters wurde sein riesiges Grundstück (ca 1 ha) verkauft. Da es vorher alles in Familiebesitz war, haben wir einen Teil des Gartens mitbenutzt, der eigentlich nicht uns gehörte. Damit alles so bleiben kann, hat meinen Mutter den Flurstücken aus denen das großelterliche Grundstück bestand, Wegerecht eingeräumt. Unwissend, dass der neue Besitzer das ganze Areal zerstückelt und verkauft. So wurde der Weg vor unserem Haus mehr oder weniger zur öffentlichen Straße. Mein Mann hatte immer das Gefühl, dass das Nachbargrundstück und unser zusammengehören. Und wir haben wirklich so oft überlegt, wie wir es schaffen, unserem Nachbarn sein Grundstück abzukaufen. Tausend Ideen aber keine Umsetzung. Und dann kam Laya... Anfang Januar kam unser Nachbar und bot uns einen großen Teil seines Garten zum Kauf an. Und nun ist das Wegerecht erledigt (lediglich ab und zu fährt einer der Nachbarn mit seinem Wohnmobil über den Hof). Wir können unser dann 2500 qm großes Grundstück komplett einzäunen...

Und da sind sie - die Grenzen!

Ja, wie innen so außen. Das ist meine Überzeugung. Und deshalb mußte das so passieren. 'Meine' Eiche gehört mir dann endlich ganz und gar. Darüber freue ich mich genauso wie über den Zaun. Und endlich gehört uns das Eichenlaub dann auch, das uns jährlich erfreut. ;-)

Es kommt so viel (Arbeit) auf uns zu. Wir planen, streiten, buddeln und zeichnen, wühlen Zeitschriften und sind aufgeregt wie kleine Kinder. Erstmal muss unser Nachbar aber das Grundstück freiräumen. Dazu braucht er noch ca. 8 Wochen sagt er. ;-) Aber auf die Zeit kommt es jetzt auch nicht mehr an... Seit ich 1993 hier wieder hergezogen bin, habe ich das Gefühl, irgendetwas 'richten' zu müssen. Vielleicht war es das. Oder weil ich im Grunde meines Herzens Gärtnerin werden wollte. Wo ich eher als Stadtkind gehandelt wurde. Aber da wohnt jetzt meine immer auf Bäume kletternde, wilde kleine Schwester. Und ich belackschuhte wohne im Garten.

Denn... meistens kommt es anders... Und am Ende ist es gut, und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht zu ende. (aus: 'best exotic marigold hotel')

Mittwoch, 19. Februar 2014

... und dann kommt Laya



Bald... bald ist es soweit. Noch 9 mal schlafen. Dann endlich...

Wo soll ich beginnen? Vielleicht dort, als ich Hunde nicht mochte. Als ich nur eine Katze haben wollte. Einen Hund zu besitzen war für mich so weit entfernt wie die Sonne. Aber dann starb unsere Mutter. Mein Bruder war damals 13 Jahre, ein ziemlich blödes Alter für Trauerarbeit. Wir beschlossen ihm den angeblich besten Freund des Menschen an die Seite zu stellen. Nach einigen Wirren entschieden wir uns für einen Cocker Spaniel. Zum seinem Geburtstag holten wir ihn ab. Wieso auch immer, aber Tara war sofort meine. Wir waren unzertrennlich. Sie durfte sogar mit zur Schule kommen und unter meinem Tisch liegen. Jeder liebte sie. Sie schlief nachts unter der Decke an meinen Füßen. Musste sie raus, war das sehr bequem - Tür auf, Hund raus, Hund rein, unter die Decke, weiterschlafen. So war auch das Bett täglich frisch bezogen. Dass ich zu der Zeit allein mit meinem Bruder lebte, brauche ich an dieser Stelle wohl nicht zu erklären. ;-) Irgendwann war es aber doch ein wenig eng mit Hund zwischen den Füßen und den Befehl 'Tara, geh in dein Bett!' verstand sie sofort. Ihr Bett war die andere Seite des Ehebetts. (ja, ich hab vorausschauend gekauft!)
Irgendwann war aber klar, dass Tara nicht so wirklich ein Hund ist, jedenfalls nicht für mein Verständnis. Also beschützt habe ich mich nicht so wirklich gefühlt. Und so kam dann Boron ins Haus. Von einem Extrem ins andere hatte er eine Schulterhöhe von ca. 75 cm. Eher ein Pony als ein Hund. Zumindest war er rein optisch schon erstmal abschreckend. Ehrlich gesagt war er aber eher ein Rehpinscher gefangen im Körper eines großen Hundes. So ein Angsthase! Natürlich war Tara Chef.
Ein wenig später kam dann ein neuer Chef in Gestalt meines Mannes, der wenig Verständnis für unsere Rudelkonstellation hatte. Als erstes flog Tara aus dem Bett... Aber natürlich hatten unsere Freunde ihn schnell um den Finger gewickelt. Aber eben doch nicht so wie mich. Es war so unglaublich bequem. Die beiden waren nur für unsere Bedürfnisse erzogen. Ergo waren Besuche in der Stadt nicht möglich, besuchen konnte man auch niemanden. Wer läßt schon gern ein haarendes Pferd in sein Haus? Und gerecht sollte es ja sein. Also blieben beide Hunde zu Hause. Dann wurden unsere Söhne geboren und es wurde schwieriger. Boron als Hütehund bellte jedesmal wenn jemand in die Straße einbog. Da der Postbote täglich zur Mittagsschlafzeit kam, hatten wir schnell ein Postfach.

Tara hatte bevor sie ein Jahr alt war einen Bandwurm. Sie war damals schwer krank. Wir dachten kaum, dass sie überlebt. Vermutlich hat diese Zeit dazu beigetragen, dass ihre Entwicklung gestört war und sie nie läufig wurde. Bequem natürlich. Kein Rüde stand jemals winselnd vor unserer Tür... Irgendwann wurde sie wieder krank. Die notwendige Operation hat sie zwar überlebt, aber ihr Organismus war so geschwächt, dass sie ein paar Stunden später einschlief.

Ich habe mindestens zwei Tage lang geweint. Ich konnte nicht mehr aufhören. Und auch jetzt noch zerreißt es mir das Herz! Irgendwann legte mein damals Zweijähriger seine Hände schweigend auf meine Augen. Dieser Moment war magisch und ich werde ihn niemals vergessen. Darin lag die Weisheit des Lebens irgendwie...

Boron fühlte sich überfordert. Er konnte nicht Chefhund sein. Und irgendwann biß er unseren Sohn. Nicht aggressiv. Denn das hätte Melte sicher nicht überlebt. Aber ich verstand, dass er nicht mehr hier sein wollte. Tierschutz und Polizei, an die wir uns wandten, boten keine Hilfe. Aber es war Eile geboten. Unsere Tierärztin hat ihn dann vermittelt in eine Familie mit einem Kind, wo er noch tolle Jahre verbringen durfte. Als er mit 11 Jahren starb, riefen uns die Besitzer an und bedankten sich für die schönen Jahre, die sie noch mit ihm verbringen durften. Ich glaube, etwas Schöneres hätte ihm nicht passieren können.

Als Boron uns verließ, war ich mit unserer Tochter schwanger. Sie hat also keinen Hund kennengelernt. Aber als sie vier oder fünf war, sass sie auf ihrem Bett und sah mich flehend an: 'Mama, ich möchte einen schwarzen Hund haben. Und der soll Bimbo heißen!' aaaaaaaaarrrrrrggggghhhhh... Na, das hätt ich mal erleben wollen. *lach*

Aber irgendwie war ich auch wieder soweit... ;-) Ich hatte schon einen schwarz/braunen Cockerwelpen ausgesucht. Aber mein Mann wollte einem Hund in Not helfen. Schließlich waren wir ja auch mal in dieser Situation und waren froh, dass jemand Boron aufgenommen hat. Und so zog Flash bei uns ein. Er war wirklich eine Seele von Hund. Lieb und aufmerksam - ABER ER STANK!!!! Und nichts half. Wirklich nichts. Bis wir anfingen ihn alle sechs Monate zum Hundefriseur zu bringen. Für das Tier eine Tortour. Aber zur Belohnung habe ich zwei Tage mit ihm gekuschelt. Dann stank er wieder... Charlotte hat ihn geliebt und konnte das aushalten. Aber mir ist er leider nie so richtig ans Herz gewachsen. Auch wenn er keine Sekunde von meiner Seite wich. Er begleitete mich auf Schritt und Tritt (was manchmal seeeeeehr viel Geduld erforderte *zähnezusammenbeiß*). Als er kein Stöckchen mehr spielen wollte, wußte ich, dass es schlimm um ihn steht. Und so war es auch. Innerhalb von drei Tagen war er totkrank und die Tierärztin bat uns, ihn nicht mehr behandeln zu müssen. Er hatte offensichtlich einen Schlaganfall und einen Tumor im Kopf. So ist er dann in Charlottes Armen gestorben. Meine Tochter hat ihn wirklich toll begleitet. Sie war erst 10 und doch schon so groß.

Und dann flossen ihre Tränen. Immer wieder. Ein ganzes Jahr lang. Bis ich es nicht mehr mit ansehen konnte und meinen Mann zu einem Malteser überreden konnte. Er wollte keinen Hund mehr. Auf keinen Fall! Aber dem Blick seiner Tochter konnte er dann doch nicht ganz standhalten. Und so bekam sie zunächst zum Geburtstag einen Stoffhund. Leider machte ich den Fehler und erwähnte so beiläufig in einem Nebensatz: 'Das ist dann so ein richtiger Tussihund. Wir kaufen ihr dann schöne Schleifen...' Ok. Der Blick sagte alles. Wenn meine Tochter alles ist, aber auf keinen Fall ne Tussi. Auch unsere Söhne streikten ein wenig bei der Vorstellung wieder jeden Tag raus zu müssen.
Es dauerte nicht allzu lange und das Hundethema war vom Tisch. Charlotte entschied, dass es ihr zu viel Verantwortung sei und sie ja auch neben der Schule noch Zeit für ihre Freundinnen brauche.

Tja, und dann kam Loli... Mein Mann bat mich, den Hund seines Geschäftsführers für die Dauer einer Dienstreise zu betreuen... Dauerte es fünf Minuten? Ich glaube nicht. Sie hatte uns alle im Sack! Sofort! Über Rasse oder ähnliches hatte ich keine Informationen. Aber meine allwissende Freundin Noelle sah es sofort: Oh eine Vizsla Hündin.
Loli brachte mich überzeugte Couchpotatoe dazu täglich mit ihr mind. 6 km Runden zu drehen und den Wald zu erkunden. Mir schmerzten die Knie. Aber wir sind täglich losmaschiert. Und es war herrlich!

Bei einer der Spaziergänge stand ich im Wald und wußte: Genau das brauche ICH! Immer habe ich anderen Hundewünsche erfüllt, für die dann am Ende doch ich zuständig war.

Beim Abendbrot habe ich eine Ankündigung gemacht: 'Ich bekomme eine Loli!' Alle schauten kurz auf und sagten wirklich ernsthaft: 'Ja, ist gut.' Kein einziger Einwand, keine Argumente wieso das nicht geht. Es war abgemacht! Kein Widerspruch von meinem Mann. Im Gegenteil - er schien sich zu freuen.

Und dann sind wir losgezogen. Haben Züchter gesucht. Ich habe sogar ein süßes Hundebaby, obwohl es auf meinem Arm schlief, dort lassen können. Weil mein Herz nicht überzeugt war. Ich wollte es diesmal richtig machen. Und irgendwann haben wir dann Layas Mama kennengelernt. Sie war damals noch gar nicht läufig. Und es war ihr erster Wurf. Also niemand wußte wann und ob das alles auch klappt. Aber wir waren uns einig, dass sie die Mutter sein sollte.

Als dann endlich die Nachricht über die Schwangerschaft kam, war es ein wenig wie selbst schwanger sein. Und als um Silvester herum der Geburtstermin nahte, war ich mittlerweile fast schon ein Nervenbündel. Und das allerschönste - alle fieberten mit! Am 3.Januar habe ich das erste Mal nach einem Korb oder Kissen geguckt. Und abends kam dann die Info, dass 9 schwere Welpen geboren seien. Und dass wir in fünf!!!! Wochen kommen sollten, um die Kleinen kennenzulernen. Oh Gott! Zum Glück gab es immer wieder aktualiseierte Fotos... Es war kaum auszuhalten. Allerdings als wir da waren, um uns diese wunderschönen süßen Welpen anzusehen, war es gar nicht mehr so aufregend, sondern ganz natürlich irgendwie. Ich habe mich sofort in die größte der Welpen verliebt. Ich nahm sie auf den Arm und spürte es einfach. Mein Mann war von der Hellste verzaubert. Sie saß dort, während alle Geschwister schliefen, sah uns an und wollte los. Eine ganz neugierige süße Maus.
Ich fand sie auch bezaubernd. Aber ich hatte auch ein wenig Angst. So ein kesser Welpe fordert bestimmt auch. Und kann ich das leisten? Wir haben uns im Vorfeld schon so viele Gedanken gemacht, was darf sie, was soll sie können. Wir wollen es uns und ihr einfach machen. Sie soll uns begleiten können. Und dazu sind eben Disziplin und Erziehung notwendig. Vizsla sind Jagdhunde, d.h. sie brauchen viel Bewegung und wegen ihrer Intelligenz auf viel Beschäftigung.

Ich glaube, es ist besser, dann nicht den forschesten Hund auszuwählen. ;-) Außerdem habe ich einfach gespürt, dass die andere unsere ist. Sie wollte auch zu meinem Mann auf den Arm und hat sich dort gleich eingerollt (unterbrochen von Zitterattacken natürlich).

Ja, und nun kommt sie am 28.2.2014 zu uns.

Im Schlafzimmer ist ein großer Berg an Erstanschaffung. Es ist wirklich wie ein Baby zu bekommen. ;-) Genauso teuer und aufregend.



Dass ich mich freue, liest man hoffentlich. Zumindest zwischen den Zeilen...

Aber das Großartigste sind die Dinge, die seitdem passieren. Seit meiner Entscheidung meinen Bedürfnissen Raum zu geben. Nachdem die Kniee so schmerzten beschloß ich Sport zu treiben. Zeitgleich hat Esther einen neuen Weg eingeschlagen. Und als ich ein Foto von der neuen Esther sag, hat es mich gepackt. Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen. Tja und seitdem gehen mein Mann und ich regelmäßig ins Fitnessstudio und machen Krafttraining. Ich bin so überwältigt wieviel Kraft in mir steckt. Ich wachse täglich über mich hinaus. Wahrscheinlich bin ich in der Pumperecke eher der Dinosaurier - für die jungen Typen uralt und dick. Aber egal. Mittlerweile haben sie sich wohl dran gewöhnt. Und mir macht es total Spaß! Fast artet es zur Sucht aus. Ich habe natürlich angefangen, die Frauengeräte zu benutzen - Fahrrad und ein bißchen Zirkeltraining. Aber seit ich mit meinem Mann trainiere, geh ich noch zehnmal lieber. Meine Kniee sind in Ordnung. Und ich habe keinen Zweifel mehr daran, dass Laya und ich irgendwann zusammen joggen werden. Die verlorenen 13 kg vermisse ich kein Stück! Ich hoffe, die restlichen 40 folgen noch. Und wenn nicht... Ich fühle mich so viel wohler mit mir und in meiner Haut. Die ollen Birkis sind aussortiert und hohen Schuhen gewichen. In Hilfiger fand ich einen Freund der etwas breiteren Füße! Und nach anfänglichen Unsicherheiten laufe ich jetzt fast ausschließlich hoch. ;-)
Und dann ist noch ein Geschenk auf dem Weg... Aber davon erzähle ich erst, wenn alles geklärt ist. Also schwanger bin ich nicht! Nein, es ist etwas anderes... Aber Geduld... ein wenig dauert es wohl noch.

Erstmal kommt Laya. Und es ist gut! Es ist eine gute Entscheidung!

Liebe Grüße,

Anke